Chess.coms KI-Wandel: Vom Domainnamen zur Plattform
Gambit: Wie Chess.com mit KI-Unterstützung neue Spielwelten erobern will
Fast zwei Jahrzehnte lang war Chess.com die unangefochtene Nummer eins im Online-Schach. Doch das Team ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. Die neueste Initiative trägt den Namen Gambit – und zeigt, wohin die Reise gehen könnte.
Ein pokerförmiger Lernraum
Gambit ist ein kostenloser Online-Pokerraum, der allerdings bewusst nichts mit echtem Geld zu tun hat. Seit dem Beta-Start verzichtet die Plattform komplett auf Glücksspiel-Elemente. Albert Cheng, Chief Growth Officer bei Chess.com, formuliert das klar: „Echtgeld ist das Problem, vor dem wir mit Gambit fliehen wollen. Die gesamte Branche verdient ihr Geld damit, dass Anfänger verlieren."
Der Ansatz ist so simpel wie ungewöhnlich. Statt das Rad neu zu erfinden, hat Chess.com seine Stärken aus dem Schach-Bereich kurzerhand mitgenommen.
Ein Jahr, zwei Mitarbeiter, eine neue Plattform
Was Gambit besonders bemerkenswert macht, ist die Entstehungsgeschichte. Cheng und ein einziger weiterer Mitarbeiter brachten das Projekt von der ersten Idee bis zum Launch. Ein Jahr dauerte das Ganze – für eine komplett neue Plattform mit eigenem Gameplay, Bewertungssystem und sozialen Funktionen alles andere als selbstverständlich.
Die Erklärung dafür liefert Cheng selbst: Künstliche Intelligenz übernahm einen Großteil der schweren Arbeit. Sie konnte die bestehende Codebasis und das Design-System von Chess.com auslesen und auf eine völlig neue Plattform übertragen – und das in Rekordzeit.
Hier liegt der eigentliche Mehrwert für Entwickler und Gründer. KI ersetzt kein menschliches Urteilsvermögen, aber sie verkürzt die Zeit vom Konzept bis zum Launch drastisch. Ohne diesen Assistenten hätte Chess.com entweder ein größeres Team aufbauen oder den laufenden Schach-Betrieb deutlich stören müssen, so Cheng.
Bewertungssysteme als Geschäftsmodell
Chess.com verfolgt eine weitere clevere Strategie: das Elo-Prinzip überall dort einsetzen, wo Wettbewerb stattfindet. Für Gambit wurde ein eigenes Bewertungssystem entwickelt, das Spielern ermöglicht, ihre Fähigkeiten objektiv zu messen.
„Du riskierst zwar nicht dein eigenes Geld, aber du brauchst etwas, das als Ausgleich dient – etwas, woran dir gelegen ist und das das Ökosystem am Laufen hält", erklärt Cheng. Das Bewertungssystem ist dabei mehr als nur ein nettes Feature. Es ist das Fundament, auf dem das gesamte Engagement- und Monetarisierungsmodell aufbaut.
Chess.com erwirtschaftet den Großteil seiner Einnahmen durch Abonnements, obwohl die meisten Nutzer kostenlos spielen. Premium-Funktionen wie unbegrenzte Partieanalysen und Schachrätsel locken zum Upgrade – aber nur, weil Spieler ihre messbaren Fortschritte in den Bewertungen sehen können. Wer also eine Plattform mit Wettbewerbs-Element baut, kommt an einem soliden Rating-System nicht vorbei.
Go, Backgammon und Mahjong als nächste Ziele
Der Poker-Arm ist dabei erst der Anfang. Chess.com hat bereits weitere Spielarten im Visier: Go, Backgammon und Mahjong stehen auf der Liste. Die Auswahlkriterien? Klassische Spiele mit langlebiger Fangemeinde – exakt die Kombination, die Chess.com ursprünglich beim Schach zum Erfolg verhalf.
Für Entwickler, die diese Expansion beobachten, lässt sich eine klare Erkenntnis ableiten: KI geht es nicht darum, Teams zu ersetzen. Vielmehr verstärkt sie, was kleine, fokussierte Gruppen erreichen können.
Cheng fasst es treffend zusammen: „Nur weil Code einfacher zu schreiben ist, heißt das nicht, dass man ihn einfach sich selbst überlässt. Aber es ist definitiv eine Superkraft, wenn es darum geht, Dinge aus dem Boden zu stampfen."
Das ist die wahre Geschichte hinter Gambit. Es ist nicht nur ein Poker-Angebot – es ist der Beweis, dass das Erfolgsrezept für Plattformen mittlerweile von schlankeren Teams und in kürzerer Zeit umgesetzt werden kann.