Die überraschend komplizierte Geschichte der Bindestriche in Domainnamen
Die überraschend komplizierte Geschichte der Bindestriche in Domainnamen
Stellt euch vor, ihr sitzt gemütlich beim Kaffee und fragt euch plötzlich: Wie viele Bindestriche kann man eigentlich hintereinander in eine Domain kleben? Klingt nach einer dummen Frage – ist es aber nicht. Was als kleines Gedankenspiel begann, zog mich tiefer in die Welt der Internet-Standards, als ich je erwartet hätte. Und das Ergebnis? Deutlich spannender als gedacht.
Die kurze Antwort: Es ist kompliziert
Theoretisch seid ihr mit 59 Bindestrichen am Stück dabei. Praktisch? Da wird's haarig. Kommt darauf an, welchen RFC ihr gerade lest, welche TLD-Registry zuständig ist, und – offenbar – ob sich irgendjemand in den letzten 25 Jahren überhaupt die Mühe gemacht hat, die Regeln durchzusetzen.
Eine Zeitreise durch die Internet-Geschichte
Gehen wir zurück. Jahr 1978: Die ersten Internet-Standards bezeichneten das Bindestrich-Zeichen noch als „Minus" statt als Bindestrich. RFC 608 legte fest, dass Hostnamen Buchstaben, Ziffern und das Minuszeichen nutzen durften. Zwei Einschränkungen gab es aber: Der erste Buchstabe musste ein Buchstabe sein, und das letzte Zeichen durfte kein Minus sein.
1981 wurde das dann in RFC 810 festgezurrt – mit einer Schreibweise, die heute aussieht wie Hieroglyphen aus der Computer-Steinzeit: <name> ::= <let>[*[<let-or-digit-or-hyphen>]<let-or-digit>]. Übersetzt: Starte mit einem Buchstaben, ende mit einem Buchstaben oder einer Ziffer, und dazwischen mach, was du willst.
RFC 952 von 1989 übernahm das mit etwas saubererer Sprache. Dann kam RFC 1035 im Jahr 1987 – ja, richtig gelesen, 1987 liegt vor 1989,。这类 Timestamps können einen ganz schön verwirren. Dieser RFC wird oft als der „bevorzugte Syntax-Standard" zitiert. Er bestätigte: Labels müssen mit einem Buchstaben beginnen, mit einem Buchstaben oder einer Ziffer enden, und dürfen innen nur Buchstaben, Ziffern und Bindestriche enthalten.
Was auffällt? Keine Begrenzung für die Anzahl der Bindestriche.
Das IDN-Drama
Alles blieb ruhig, bis 2010 die Internationalisierten Domainnamen (IDN) auf den Plan traten. Die nutzen das xn-- Präfix, um Nicht-ASCII-Zeichen zu ermöglichen. Und genau hier wird's interessant.
RFC 5891 führte eine neue Regel ein: „Der Unicode-String darf KEIN '--' (zwei aufeinanderfolgende Bindestriche) an der dritten und vierten Zeichenposition enthalten."
Warum? Weil xn-- an Position 3-4 nun mal wie -- aussieht. Die Regel verhindert Verwechslungen. Wenn eure Domain mit xn beginnt, seid ihr fein raus. Alle anderen? Zwei Bindestriche an Position 3 und 4 sind verboten.
Theoretisch könntet ihr also 59 Bindestriche am Stück unterbringen – indem ihr sie bei Position 4 startet und bei Position 62 aufhört. So was wie abc---[…]---z.com sollte funktionieren.
Oder etwa nicht?
Die Realität: TLD-Einschränkungen
Standards sind erstmal nur Empfehlungen, bis jemand kommt und sie durchsetzt. Jede Top Level Domain Registry kann ihre eigenen Regeln aufstellen – oft strenger als die RFCs.
Manche Registrys verbieten bestimmte Wörter. Manche lassen IDN-Registrierungen gar nicht zu. Manche verhindern die Nachahmung öffentlicher Suffixe.
Und dann gibt es Südsudans .ss Registry, die Berichten zufolge überhaupt keine Bindestriche erlaubt. Null. Keinen einzigen. Nicht mal einen.
Nominet, zuständig für .uk, hat zwar keine Bindestrich-Beschränkungen, erlaubt aber keine xn-- Domains.
Die meisten Registrys lassen mehrfache Bindestriche zu – aber „die meisten" ist nicht „alle".
Die Kuriositäten: Domains, die es eigentlich nicht geben dürfte
Jetzt wird's unterhaltsam. Das Internet basiert auf einer Menge Legacy-Systeme, Grenzfällen und „gut genug"-Implementierungen. Jemand hat tatsächlich gegraben und Hunderte Domainnamen gefunden, die gegen moderne Regeln verstoßen.
Ein paar Highlights:
0-------------------------------------------------------------0.com— erstellt 1999, inzwischen down0-------------------------------------------------------------5.com— erstellt 2001, noch livea-------------------------------------------------------------a.com— 61 Bindestriche. Ja, einundsechzig. Das Maximum. Die Website funktioniert noch und sieht aus, als hätte sie seit 2000 kein Update mehr gesehen.
Richtig gelesen: Eine Domain mit 61 Bindestrichen am Stück zeigt 2024 noch auf eine funktionierende Website.
Es gibt auch zz--icann-monitoring.uk, registriert 2024 – lange nachdem die IDN-Regeln etabliert waren. Aber da Nominet keine xn-- Domains erlaubt, ist diese technisch gesehen regelkonform.
Andere bemerkenswerte Einträge sehen aus wie zufällig generierte Zeichenketten – möglicherweise für Command-and-Control-Server verwendet. Die Muster sind faszinierend, wenn man sich dafür interessiert.
Was bedeutet das für euch?
Ehrlich gesagt? Wahrscheinlich nicht viel. Die meisten Domain-Registrare lassen euch ohnehin nichts Verrücktes registrieren. Aber diese Regeln zu verstehen, ist wichtig, wenn ihr:
- Domain-Validierung in eure Anwendungen einbaut
- Mit internationalisierten Domains arbeitet und die
xn--Ausnahme verstehen müsst - Bestehende Infrastruktur auf Compliance prüft
- Einfach neugierig seid, wie das Internet unter der Haube funktioniert
Die Internet-Standards sind lebende Dokumente, entstanden über Jahrzehnte, von Menschen, die damals reale Probleme lösten. Die Bindestrich-Regeln spiegeln ein Gleichgewicht zwischen Flexibilität und Klarheit wider – und wie bei den meisten menschlichen Systemen haben sich im Laufe der Zeit jede Menge Schrulligkeiten angesammelt.
Wenn ihr das nächste Mal eine Domain auswählt, empfehle ich etwas Einfaches und Einprägsames. Aber jetzt wisst ihr: Wenn ihr wolltet, könntet ihr theoretisch hello------------------------------------------world.com registrieren.
Solltet ihr wahrscheinlich nicht. Aber ihr könntet es.
Was ist die wildeste Domain, die ihr je gesehen habt? Schreibt sie in die Kommentare – ich bin wirklich neugierig, welche anderen Kuriositäten da draußen lauern.