Das skurrilste Web-Framework des Tages: COBOL auf Wheelchair
COBOL lebt! Und zwar auf Rädern
Mal ganz ehrlich: Wann hast du zuletzt an COBOL gedacht? Vermutlich nie – es sei denn, du arbeitest im Bankwesen, im öffentlichen Dienst oder hast eine uralte Mainframe-Anwendung geerbt, an der sich sonst niemand heranwagt.
Die Realität sieht aber so aus: Ungefähr 80 Prozent aller finanziellen Transaktionen vor Ort und zahllose Behördensysteme laufen noch immer auf COBOL-Code. Banken wie JPMorgan Chase oder der US-Bundesstaat Ohio haben sogar extra COBOL-Entwickler eingestellt, nur um ihre Altlasten am Laufen zu halten. Diese alte Programmiersprache ist alles andere als tot – sie bewegt tagtäglich echtes Geld.
Genau hier setzt das herrlich absurde Projekt Cobol-on-Wheelchair an. Entwickler azac hat damit ein kleines Web-Framework geschaffen, das sich eine einzige Frage stellt: Kann COBOL HTTP-Anfragen verarbeiten?
Der Name ist übrigens großartiger Developer-Humor. Ein Rollstuhl steht für Zugänglichkeit und Mobilität – COBOL bekommt hier genau dieses Hilfsmittel, um sich durch die moderne Webwelt zu bewegen.
Warum sollte das moderne Entwickler interessieren?
Du fragst dich vielleicht: Ist das nicht einfach ein Spaßprojekt?
Vielleicht. Aber drei Gründe machen das Ganze wirklich spannend:
1. Es stellt Annahmen infrage
Alle paar Monate wird eine Programmiersprache oder ein Framework zum alten Eisen erklärt. COBOL wurde schon zig Mal für tot erklärt – und verarbeitet nebenbei Billionen Dollar. Cobol-on-Wheelchair verkörpert diese Ironie perfekt. Es ist gleichzeitig Witz und ernsthafte technische Spielerei.
2. Es zeigt, wie universell Webentwicklung eigentlich ist
HTTP ist im Kern nichts anderes als strukturierter Text. TCP-Sockets nehmen Verbindungen an, egal welche Sprache sie verarbeitet. Das Projekt beweist: Die Grundlagen des Webs sind komplett sprachunabhängig.
3. Es bietet eine Lernchance
Willst du verstehen, wie Web-Frameworks wirklich funktionieren? Dann bau doch eines in COBOL. Du musst dich zwangsläufig mit den Basics auseinandersetzen – HTTP-Parsing, Request-Routing, Response-Formatierung – in einer Sprache, die dir nichts abnimmt.
Der Spirit der Entwickler-Community
Was mich an Projekten wie diesem am meisten beeindruckt: die kreative Energie. Entwickler bauen nicht nur nützliche Tools. Sie setzen Statements, haben Spaß und verschieben Grenzen.
Das GitHub-Repository lädt ausdrücklich zu Beiträgen ein. Das ist also kein One-Man-Show, sondern ein offenes Angebot, etwas wirklich Unkonventionelles auszuprobieren.
Solltest du COBOL für dein nächstes Webprojekt nutzen?
Auf keinen Fall. Vermutlich nicht. Eigentlich doch?
Sieh's mal so: Wenn du einen Startup-MVP baust, nimm Python, Node.js oder was auch immer dein Team am besten kann. Aber wenn dich Computergeschichte interessiert, du Web-Grundlagen tiefer verstehen willst oder einfach kreative technische Projekte cool findest – dann verdient Cobol-on-Wheelchair deine Aufmerksamkeit.
Manchmal ist der wertvollste Code nicht der praktischste. Sondern der, der dich anders über Dinge nachdenken lässt, die du für selbstverständlich hältst.
Schau dir das Projekt auf GitHub an, öffne ein Issue, reiche einen PR ein oder genieße einfach die Dreistigkeit, ein Web-Framework für eine 65 Jahre alte Sprache zu schreiben.
Das Web wurde mit kreativem Unfug aufgebaut. Cobol-on-Wheelchair ist einfach das neueste Kapitel.